Energy Sharing: Strom teilen in Deutschland
Was in Österreich längst funktioniert, soll jetzt auch in Deutschland möglich sein: das Teilen von Strom aus Erneuerbaren Energien mit Nachbar:innen. Das klingt nach einer guten Möglichkeit, sich unabhängiger zu machen und von den günstigen Erneuerbaren Energien zu profitieren. Leider oft nur auf dem Papier. Wir zeigen Ihnen in diesem Artikel, was Energy Sharing ist und wie auch Sie davon profitieren können.
Was ist Energy Sharing?
Übersetzt bedeutet Energy Sharing „Energie teilen“. Eine ganz einfache Definition ist also:
Energy Sharing ist die gemeinsame Nutzung und Verteilung von Erneuerbarer Energie innerhalb einer Energiegemeinschaft.

Mitglieder der Bürger-Energiegenossenschaft Olegeno mit ihrer selbst errichteten Anlage.
Was ist eine Energiegemeinschaft?
Eine Energiegemeinschaft, auch „Energy Sharing-Community“ genannt, ist eine Gruppe von Menschen, die Strom erzeugen und miteinander teilen. In der Gruppe werden Erzeugungsanlagen und Verbraucher:innen direkt miteinander verbunden.
Energy Sharing-Communities können aus Privathaushalten, Unternehmen oder Organisationen bestehen. Auch Energiegenossenschaften können Energiegemeinschaften bilden, indem sie den Ökostrom aus ihren Wind- und Solaranlagen direkt mit ihren Mitgliedern und den Menschen aus ihrer Nachbarschaft teilen.
Wie funktioniert Energy Sharing?
Das Grundprinzip ist ganz einfach: Wenn mehr Strom produziert wird als selbst verbraucht werden kann, soll möglichst effizient in der Energiegemeinschaft Strom verteilt werden statt ihn zu verschwenden. In der Grafik ist das der grüne Bereich: Gemeinschaftsstrom.
Was passiert, wenn mehr Strom gebraucht wird, als die Anlage erzeugt? In der Grafik ist das der hellblaue Bereich. Hier kommen Ökostrom-Anbieter wie die Bürgerwerke ins Spiel. Als Energy Sharing-Anbieter sorgen wir in diesen Zeiten für den sogenannten Reststrom, damit eine nahtlose Versorgung jederzeit gewährleistet ist.

Das folgende Beispiel erklärt, wie „Strom sharing" funktioniert:
- Eine Energiegenossenschaft hat eine Solaranlage auf dem Dach einer Grundschule errichtet.
- Diese Anlage erzeugt mehr Strom als die Schule verbrauchen kann.
- Statt den überschüssigen Solarstrom ungenutzt zu verschwenden, entscheidet sich die Energiegenossenschaft für Energy Sharing.
- Mitglieder der Genossenschaft, Nachbar:innen der Schule und die Eltern der Schulkinder können sich der Energy Sharing-Gemeinschaft anschließen und untereinander den Solarstrom teilen.
- Über eine digitale Plattform sehen alle, woher ihr Strom kommt und wie viel Solarstrom die Anlage gerade produziert.
- Die Bürgerwerke als Ökostrom-Anbieter sorgen für den Reststrom, damit jederzeit bei allen Strom ankommt.
Welche Arten von Energy Sharing gibt es und wer kann mitmachen?
In der öffentlichen Diskussion werden unter Energy Sharing viele Varianten verstanden, wie Strom teilen funktionieren kann. Wir haben Ihnen hier die wichtigsten Modelle zusammengefasst. Sie unterscheiden sich in der Größe der Erneuerbare-Energien-Anlage und hinsichtlich der beteiligten Akteur:innen – also wer den Strom mit wem teilt und wie weit die Stromverbraucher:innen von der Erzeugungsanlage entfernt sind.
Eine Bürger-Energiegenossenschaft teilt den Strom aus einer oder mehreren Bürgerenergie-Anlagen mit Verbraucher:innen. Dabei wird das öffentliche Stromnetz genutzt. Abnehmer:innen können die Genossenschaftsmitglieder sein oder Menschen aus der Nachbarschaft der Anlage. So könnenauch Menschen ohne eigene PV-Anlage an der Energiewende teilhaben und von günstiger Erneuerbarer Energie profitieren.
Mieterstrom bietet die Möglichkeit, Strom direkt an die Bewohner:innen eines Gebäudes oder Wohnquartiers zu liefern. Hauseigentümer:innen, Wohnungsbaugesellschaften und auch einige Bürgerwerke-Genossenschaften ermöglichen damit den Bewohner:innen eines Hauses, den Strom vom eigenen Dach zu nutzen. Das Besondere: der Strom wird lokal verbraucht, ohne Durchleitung durch das öffentliche Netz.
Unternehmen oder ganze Gewerbeparks teilen den Strom aus ihren Photovoltaik- oder anderen Erneuerbare-Energien-Anlagen über das öffentliche Netz mit Verbraucher:innen. Abnehmer:innen sind häufig benachbarte Betriebe, eigene Kund:innen, Mitarbeitende oder Menschen aus der Nachbarschaft.
Bei diesem Modell sind private Haushalte mit eigener PV-Anlage die Erzeuger:innen. Überschüssiger Strom wird mit Nachbar:innen oder anderen privaten Stromverbraucher:innen geteilt. Häufig funktioniert das über digitale Plattformen. Der Strom fließt hier ebenfalls über das öffentliche Netz.
Wie können Verbraucher:innen in Deutschland von Energy Sharing profitieren? Welche Vorteile bietet das Teilen von Strom?
Strom teilen bietet viele Vorteile für Menschen mit und ohne eigene PV-Anlage und für uns alle:
Vorteile mit eigener PV-Anlage:
- Höhere Erlöse als bei der klassischen Einspeisung: Überschüssiger Solarstrom kann häufig zu besseren Konditionen geteilt werden als über die gesetzliche Einspeisevergütung.
- Schnellere Amortisation der Anlage: Durch höhere Einnahmen kann sich die Investition in die PV-Anlage schneller rechnen.
- Freie Preisgestaltung innerhalb der Energy Sharing-Community: Die Beteiligten können den Strompreis vertraglich selbst vereinbaren.
Vorteile ohne eigene PV-Anlage:
- Aktive Teilhabe an der Energiewende auch ohne eigene PV-Anlage: Mieter:innen und Menschen, die sich keine eigene PV-Anlage leisten können oder wollen, profitieren vom Erfolg der Energiewende.
- Stärkere Unabhängigkeit von schwankenden Strompreisen: Ein Teil des Strombedarfs wird über das lokale Teilen des Stroms gedeckt, wodurch die Abhängigkeit von Marktpreisen sinken kann.
- Regionale Wertschöpfung: Die Ausgaben für Strom bleiben stärker in der eigenen Region und die lokale Energiewende in Bürgerhand wird gefördert.
Gesellschaftliche Vorteile:
- Mehr Nutzung Erneuerbarer Energien direkt vor Ort.
- Stärkung von Nachbarschaften und mehr regionale Wertschöpfung.
- Entlastung der Stromnetze durch direkten Verbrauch von lokal erzeugtem Strom.
Welche Herausforderungen gibt es bei Energy Sharing in Deutschland?
So verlockend die Vorteile klingen: in Deutschland war Strom teilen bisher nicht möglich. Bisher durfte selbst erzeugter Solarstrom nämlich nur selbst verbraucht, eingespeist oder in bestimmten Modellen weitergegeben werden. Erlaubt war Strom teilen bisher nur, wenn das öffentliche Netz nicht genutzt wurde – bei Mieterstrom zum Beispiel. Bürgerwerke-Genossenschaften setzen solche Mieterstrom-Projekte längst um. Ein Beispiel aus der Praxis: Die Bürgerwerke-Genossenschaft Olegeno versorgt mit genossenschaftlichem Solarstrom ein ganzes Wohnquartier.
Das neue Energy Sharing-Gesetz (§ 42c EnWG) soll jetzt dafür sorgen, dass Strom teilen in Deutschland endlich zum Standard wird.
Was ändert sich durch das Energy Sharing-Gesetz (§ 42c EnWG) ab Juni 2026?
Ab dem 1. Juni 2026 ist mit § 42c EnWG erstmals ein eigener Rechtsrahmen für das Teilen von Stromin Deutschland in Kraft getreten. Das ist eine der wichtigsten Änderungen für Betreiber:innen von PV-Anlagen.
Mit § 42c EnWG können Anlagenbesitzer:innen ihren Strom nun über das öffentliche Verteilnetz mit sogenannten Letztverbraucher:innen teilen.
Welche Voraussetzungen gelten für Energy Sharing in Deutschland? Das Problem mit den Smart Metern
Im Beispiel zu Beginn des Artikels teilt eine Energiegenossenschaft ihren Strom. Das haben wir nicht ohne Grund so ausgesucht. Denn in der Theorie haben zwar auch Privatpersonen die Möglichkeit, ihren Strom mit ihrer Nachbarschaft zu teilen, aber die Praxis sieht anders aus. Es gibt ein zentrales Problem: die technischen Voraussetzungen dafür sind in Deutschland noch nicht gegeben.

Medienberichte erwecken zum Teil den Eindruck, Privatpersonen könnten ihre Nachbarschaft oder auch ihre Familie künftig nahezu kostenlos mit dem selbst erzeugten Solarstrom versorgen. So weit geht das Gesetz § 42c EnWG aber nicht. Zum einen werden Netzentgelte, Konzessionsabgaben sowie einige weitere Umlagen und Abgaben weiterhin fällig. Zum anderen fehlen in den meisten Haushalten die sogenannten Smart Meter.
Insbesondere das Teilen von Strom aus Privatanlagen ist nur möglich, wenn alle Beteiligten über einen Smart Meter, ein sogenanntes intelligentes Messsystem (iMSys), verfügen. Und der Smart Meter-Rollout geht hier viel zu langsam – anders als beispielsweise in Österreich. In Österreich sind mehr als 95 % aller Zählpunkte mit intelligenten Messsystemen ausgestattet. In Deutschland liegt die Quote dagegen bei nur 5,5 % – berichtet die Bundesnetzagentur zum Stichtag 31.12.2025.
Leider haben auch wir bei den Bürgerwerken keinen Einfluss darauf, wann bei Ihnen ein Smart Meter eingebaut wird. Das liegt in der Hand der Messstellenbetreiber. Mehr über den Smart Meter-Ausbau können Sie bei der Bundesnetzagentur nachlesen. Und ja: auch uns geht der Ausbau viel zu langsam. Aber die Bürgerwerke wären nicht die Bürgerwerke, wenn sie sich davon aufhalten lassen würden. Ganz nach dem Motto „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“, bündeln wir in der Bürgerwerke-Gemeinschaft nun unsere Kräfte als Energy Sharing-Anbieter.
Wie kann ich auch ohne Smart Meter profitieren?
Wir wollen nicht darauf warten, dass der Smart Meter-Rollout endlich vorangeht. Deshalb starten die Bürgerwerke schon jetzt mit einem Angebot. Damit auch Menschen ohne eigene PV-Anlage und ohne Smart Meter mitmachen können. Nach und nach werden wir unser Angebot immer weiter ausbauen:
Wir starten Ende 2026 mit einer Gruppe Pilotkund:innen und den Bürgerenergie-Anlagen unseren Bürgerwerke-Genossenschaften. Dieses Angebot ist voraussichtlich zunächst lokal begrenzt.
Mit den Erfahrungen aus Phase 1 und gemeinsam mit unseren Pilotkund:innen entwickeln wir unser Angebot weiter: Wir bilden immer mehr Energiegemeinschaften und ermöglichen Menschen in ganz Deutschland, Teil dieser Energy Communities zu werden. Ganz egal, ob Sie einen Smart Meter oder eine eigene PV-Anlage besitzen.
Wir weiten unser Angebot auf Gewerbebetriebe und Kommunen aus. So können auch Unternehmen den Strom aus ihren Anlagen mit ihrer Nachbarschaft teilen.
Mit den Erfahrungen aus den Phasen 1-3 sind wir sofort startbereit, wenn der Smart Meter-Rollout auch allen Privatpersonen ermöglicht, Strom aus ihrer Anlage zu teilen. Der Vorteil für alle, die von Anfang an dabei sind: Unseren Pilotkund:innen bieten wir als Erstes die Möglichkeit, ihre eigene Anlage im Energy Sharing-System der Bürgerwerke zur Verfügung zu stellen. Zu dem Zeitpunkt haben sie das Produkt gemeinsam mit uns entwickelt und ausführlich getestet.
Und warum ist (uns) das Thema Energy Sharing so wichtig?
Aktuell ist die Lage so: Ökostrom geht viel zu oft einfach verloren, weil er nicht abgerufen werden kann. Das ist für niemanden gut: Anlagenbetreiber:innen können überschüssigen Strom noch nicht weitergeben. Vielmehr sind sie dazu gezwungen, den Strom entweder aufwändig selbst zu vermarkten oder aber die eigene Anlage entsprechend abzuregeln.

Wir finden: Das muss anders gehen. Denn wir bei den Bürgerwerken wollen, dass so viele Menschen wie möglich an der Energiewende beteiligt werden. Strom zu teilen ist für uns ein gesellschaftlicher Ansatz, die Energieversorgung zu demokratisieren. Mehr Einblick in unsere Motivation erhalten Sie in diesem Magazin-Artikel.
Fragen & Antworten
Seit dem 1. Juni 2026 regelt der Paragraph 42c EnWG, dass Anlagenbetreiber:innen ihren Strom über das öffentliche Verteilnetz mit sogenannten Letztverbraucher:innen teilen dürfen. Was genau das Gesetz regelt, fasst das Bündnis Bürgerenergie übersichtlich in diesem Factsheet zusammen.
Ökostrom geht viel zu oft einfach verloren, weil er nicht abgerufen werden kann. Energy Sharing verhindert das, indem der selbst erzeugte Strom in der Gemeinschaft geteilt wird. Strom konnte bisher nur in direkter Nachbarschaft, beispielsweise innerhalb des selben Gebäudes, geteilt werden. Wenn lokal erzeugter Ökostrom direkt vor Ort verbraucht wird, entlastet das außerdem die Stromnetze, stärkt die Energiewende in der Region und sorgt für mehr regionale Wertschöpfung.
Grundsätzlich dürfen alle Menschen mitmachen. Als Verbraucher:in ist das ohne Probleme möglich, wenn Energy Sharing-Anbieter wie die Bürgerwerke entsprechende Angebote machen, die weder Smart Meter noch besondere Stromzähler voraussetzen. Wer Strom selbst produziert und mit der Nachbarschaft teilen will, braucht dafür neben der eigenen Photovoltaik-Anlage auch ein intelligentes Messsystem (Smart Meter). Außerdem brauchen Anlagenbesitzer:innen eine Plattform, über die das Energy Sharing abgewickelt wird.
Die Bürgerwerke bieten Verbraucher:innen auch ohne Smart Meter ein Energy Sharing- Produkt an. Der geteilte Solarstrom kommt hier zunächst aus Anlagen von Bürger-Energiegenossenschaften. In der weiteren Entwicklung ermöglichen die Bürgerwerke auch Gewerbebetrieben und privaten Anlagenbesitzer:innen das Teilen ihres selbst erzeugten Stroms.
Dafür sind die in Deutschland die Messstellenbetreiber zuständig. Das bedeutet: Wir als Bürgerwerke können Ihnen keinen Smart Meter zur Verfügung stellen.
Mehr über den Smart Meter-Ausbau können Sie bei der Bundesnetzagentur nachlesen.
Bei Mieterstrom-Projekten wird der Strom lokal verbraucht, ohne Durchleitung durch das öffentliche Netz, also in der Regel innerhalb eines Gebäudes. Alle anderen Formen des Energy Sharings nutzen für das Teilen des Stroms das öffentliche Netz, was seit 1. Juni 2026 durch Paragraph 42c EnWG geregelt wird.
Zukünftig werden die Bürgerwerke ermöglichen, dass auch Gewerbeanlagen und private Anlagen ihren Strom teilen können. Zur Einführung unseres Energy Sharing-Angebots konzentrieren wir uns aktuell auf Anlagen unserer Mitgliedsgenossenschaften.
Wenn Sie Ihre Anlage schon jetzt vormerken möchten, nutzen Sie am besten dieses Formular.
Seien Sie von Anfang mit dabei
Wenn Sie dranbleiben und die Entwicklung bei den Bürgerwerken miterleben wollen, dann tragen Sie sich am besten in unseren Verteiler ein. Über diesen werden wir Sie auch informieren, wenn wir mit der Aufnahme von Pilotkund:innen starten.
Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind!

Sarah Schäfer
kümmert sich um die Energie im Marketing-Team
Begeistert von begeisterten Menschen und froh, bei den Bürgerwerken jeden Tag was bewegen zu können. Bringt Bürohund Lemmy mit zur Arbeit und verbringt viel Zeit im Wald. Sie hört Podcasts meistens in doppelter Geschwindigkeit und es vergeht kaum ein Tag, an dem Sarah nicht mindestens einen Podcasttipp abgibt.


