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Eine Gruppe Menschen steht winkend hinter einem Banner mit der Aufschrift "Solidarische Landwirtschaft"

Gemeinsam schaffen, was allein unmöglich ist: Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V.

Erleben

Gemeinsam statt einsam: Die solidarische Antwort auf landwirtschaftliche Herausforderungen

Mit der Aktion #ZusammenBesser wollen die Bürgerwerke Menschen zeigen, die sich in Vereinen und Initiativen zusammentun. Gemeinsam schaffen sie, was für Einzelne unmöglich ist. Heute stellen wir Ihnen das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft e.V. vor.

Ann-Sophie Hennevon Ann-Sophie Henne
20.01.2026

Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, sind aktuell einem sehr hohen Druck ausgesetzt. Ihre Existenz hängt von Faktoren ab, auf die sie wenig Einfluss haben: (Welt-)Marktpreise bestimmen zu großen Teilen, wie viel Geld sie für ihre Erzeugnisse bekommen. Klimawandelbedingte Hitzewellen und Starkregenereignisse sowie das Artensterben machen die Erträge zunehmend unsicher. Und wenn es die Ernte dann wirklich mal buchstäblich verhagelt, tragen sie das alleinige finanzielle Risiko.

Viele Landwirt:innen sehen sich deshalb gezwungen, über ihre persönlichen Belastungsgrenzen und die ihres Bodens hinauszugehen. „Die Auswirkungen dieser Entwicklungen sind dramatisch“, sagt Andrea Klerman vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. „Wir sehen beispielsweise, dass die Suizidrate unter Landwirt:innen in Deutschland die höchste aller Berufsgruppen ist.“

Lösungen müssen also her, in denen die Landwirtschaft nicht das alleinige Risiko für Ernteausfälle trägt und damit rechnen kann, dass ihre Erzeugnisse zu fairen Preisen abgenommen werden. Genau dafür findet die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) Antworten.

Solawi: Geteilte Ernte, geteilte Verantwortung

Das Grundprinzip des Modells ist einfach, aber wirkungsvoll: Nicht mehr die Landwirtin selbst, sondern eine Gemeinschaft von Verbraucher:innen trägt gemeinsam die jährlichen Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs – und zwar unabhängig davon, wie die Ernte ausfällt. Dafür erhalten die sogenannten Ernteteilenden frische, saisonale Lebensmittel, von denen sie genau wissen, wo sie herkommen.

„Das tragende Prinzip ist die gemeinsame Verantwortung. Die Landwirtschaft kalkuliert ihre Kosten, und die Ernteteilenden bringen diesen Betrag dann für das kommende Jahr auf“, so Klerman. Wichtig sei dabei, dass nicht nur die Kosten für die Pflanzen in diese Rechnung einfließen, sondern auch ein Gehalt, eine Rente und die Option, mal einen Urlaub zu machen oder ein Wochenende nicht da sein zu können. Das ermöglicht den Landwirt:innen deutlich mehr Planungssicherheit und letztlich eine nachhaltige Wirtschaftsweise.

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Für mehr Bezug zu Lebensmitteln

Letztlich geht es bei der Solidarischen Landwirtschaft vor allem um eines: dem ständigen Streben nach immer mehr Angebot zu immer günstigeren Preisen, unter dem die Landwirtschaft so leidet, ein Ende zu setzen. Um das zu erreichen, muss auch bei den Verbraucher:innen ein Umdenken stattfinden.

Denn aktuell, so Klerman, sei die Entfremdung zu Lebensmitteln bei vielen Menschen sehr hoch. Das werde beim Thema Kaufentscheidungen sichtbar: „Wer wirklich ehrlich zu sich selbst ist, ahnt vielleicht, dass für 19 Cent kein Liter Milch mit Verpackung von Bayern nach Hamburg in einen Supermarkt transportiert werden kann. Wenn wir uns trauten, das zu Ende zu denken, würden wir eigentlich sagen: Hier beute ich doch irgendwie jemanden aus.“

Eine Frau mit kurzen Haaren und Brille steht vor einem Baum und lächelt in die Kamera.

Andrea Klerman arbeitet für das Netzwerk in den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Politik und Kooperation.

„Dass wir innerhalb der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten, voneinander lernen und Allianzen schmieden, halte ich für extrem wichtig.“ 

Andrea Klerman ist seit 30 Jahren in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig und arbeitet seit 2021 für das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft.

Klar ist, nicht alle Verbraucher:innen können daraus Konsequenzen ziehen. „Natürlich gibt es Menschen, die auf sehr günstige Preise und vor allem auch auf die ständige Verfügbarkeit im Supermarkt angewiesen sind. Die sich nicht ewig Zeit nehmen können fürs Kochen, für das lange Auseinandersetzen mit unterschiedlichen Gemüsesorten“, so Klerman. Doch rund 480 Solawis mit knapp 100 weiteren in Gründung zeigen: Das Interesse an solidarischen Landwirtschaftsmodellen steigt.

Fast alle der so organisierten Betriebe sind Mitglied beim Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, das als Dachverband die Interessen und Stimmen der Solidarischen Landwirtschaft in Deutschland bündelt und vertritt. „Wir sind für die Solawis sowohl Entwicklungspartner als auch Anlaufstelle für Beratung, Forschung und politische Vernetzung“, erklärt Andrea Klerman. „Wir bündeln also Wissen, beantworten Fragen, stellen landwirtschaftliche Experten zur Seite und ermöglichen ihnen, sich gegenseitig zu helfen.“

Basisdemokratisch arbeiten und neue Wege gehen 

Andrea Klerman hat 30 Jahre Erfahrung in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und beschäftigt sich fast genauso lange damit, wie sich unterschiedlichste Projekte gemeinschaftlich tragen lassen. Während der Corona-Zeit hat sie ihre eigene Solawi gegründet, die es bis heute gibt: die Solawi Heidkoppelhof. Auf diese Weise ist sie dann zum Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gekommen, für das sie heute als eine von 12 Festangestellten arbeitet.

Was sich wie ein roter Faden durch Andrea Klermans tägliche Arbeit zieht, ist das sogenannte basisdemokratische Arbeiten. Das bedeutet: Alle an einem Prozess Beteiligten haben eine gleichberechtigte Stimme, egal, ob es um eine Abstimmung oder eine gemeinsame Stellungnahme gegenüber der Öffentlichkeit geht. Das ist ein manchmal langwieriger und herausfordernder Prozess, der aber, so Klerman, dazu gehöre und wichtig sei für gelebte Basisdemokratie. Trotz der vielen Unterschiede gebe es aber Punkte, in denen sich alle Solawis sofort einig seien: „In ihrer Positionierung gegen rechts, der Positionierung gegen Gentechnik und dem Ziel, in der täglichen Praxis ausbeutungsfrei und respektvoll mit allem und allen umzugehen.“

Die Arbeit des Dachverbands hört nicht bei der Solidarischen Landwirtschaft auf. Das Netzwerk versteht sich als Wegbereiter für gemeinschaftliches Wirtschaften und teilt sein Wissen auch mit anderen Wirtschaftsfeldern. „Ich sage immer: Aus unseren Fehlern haben wir bereits Lehren gezogen, die soll niemand wiederholen müssen. Wenn schon, dann macht eure eigenen, neuen Fehler!”

Solawi und Bürgerenergie: Ein gutes Match

Im Rahmen der Aktion #ZusammenBesser nun mit den Bürgerwerken zusammenzukommen, sei ein weiteres gutes Beispiel für die so wichtige Vernetzung zwischen unterschiedlichen Branchen. Denn genau wie das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft als Dachverband auftritt, vereinen die Bürgerwerke als Dachgenossenschaft über 125 lokale Energiegenossenschaften und bündeln so ihre Kräfte, um die Energiewende in Bürgerhand voranzutreiben.

„Die große Parallele zwischen Solawi und Bürgerenergie sehe ich im Empowerment der Menschen“, betont Klerman. „Das halte ich für sehr wichtig. Denn statt auf Lösungen aus der Politik zu warten, brauchen wir eine starke Zivilgesellschaft, die eigene Lösungen entwickelt.“

#ZusammenBesser

Im Rahmen der Aktion #ZusammenBesser stellen die Bürgerwerke Vereine vor, die mitmachen. Weil wir genau diese ermutigenden Geschichten von Engagement und Zusammenhalt – oder einfach: von Energie in Gemeinschaft – in herausfordernden Zeiten so dringend brauchen.

Sind Sie selbst ehrenamtlich aktiv oder kennen einen Verein, für den unsere Aktion interessant sein könnte? Dann leiten Sie unsere Infos zur Aktion gern weiter oder tragen Sie sich als Vereinsvertreter:in direkt auf unseren Aktionsverteiler ein. Alle Infos zur Aktion und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier.

Ann-Sophie Henne

Ann-Sophie Henne

Journalistin, Autorin, Podcast-Host, Speakerin

Hat im Studium das Projekt nachhaltig.kritisch mitgegründet. Fokussiert sich darauf, wie eine klimagerechte Transformation gelingen kann. Sie liebt, wenn ein Satz nicht nur wissenschaftlich korrekt ist, sondern auch schön klingt. Seit sie mit ihrem Hund Mara täglich Zeit im Wald verbringt, ist ihre Resilienz um schätzungsweise 130 % gestiegen.