• Transparenz für Bürgerstrom-Kunden

Bürgerwerke im aktuellen Energiemarkt | Fragen und Antworten

1. Ist die Versorgung mit Bürgerstrom vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine gesichert?

Die Bürgerwerke haben direkte Lieferbeziehungen zu ihren erneuerbaren Erzeugungsanlagen, wir beziehen also keinen Strom aus Gaskraftwerken. Wenn aufgrund eines möglichen Importstopps von russischem Gas weniger oder keine Gaskraftwerke mehr für die deutsche Stromversorgung zur Verfügung stünden, ist davon auszugehen, dass die Strompreise sich weiter erhöhen. Da wir die Strommengen für Bürgerstrom-Bestandskund:innen bereits gesichert haben, gilt für diese aber selbstverständlich die bis Jahresende zugesagte Preisgarantie.

Es ist theoretisch möglich, dass es erhöhte Schwankungen in der Netzstabilität gibt, weil weniger flexible Gaskraftwerke für die Stromerzeugung zur Verfügung stehen. In solchen Ausnahmesituationen kann es vorkommen, dass der Stromnetzbetreiber zur Netzstabilisierung entscheidet, bestimmte Abnehmer:innen nicht mehr zu beliefern. Darauf haben die Bürgerwerke als Stromversorger generell keinen Einfluss, der jeweilige Netzbetreiber fällt die Entscheidungen alleine.

Anders als bei der Gasversorgung gibt es keine gesetzliche Regelung, welche Kund:innen geschützt sind und vorrangig weiter versorgt werden. Es ist aber davon auszugehen, dass auch hier zunächst die Versorgung gewerblicher Großabnehmer reduziert wird, die ihre Produktion anpassen können und entsprechende Stromverträge besitzen. Da die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken in Deutschland mit rund 12 % eine relativ kleine Rolle spielt, halten wir entsprechende Einschränkungen allerdings für sehr unwahrscheinlich.

2. Ist die Versorgung mit BürgerÖkogas vor dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine gesichert?

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat Ende März die Frühwarnstufe des “Notfallplans Gas” ausgerufen. Die Frühwarnstufe dient lediglich der Vorsorge: Aktuell ist die Gasversorgung somit gesichert und es gibt keine Einschränkungen. 

Sollte es zu einer Versorgungskrise kommen, zum Beispiel infolge der Reduzierung oder Unterbrechung der russischen Erdgaslieferungen nach Europa, nimmt die Bundesregierung weitere Verschärfungen vor. Im “Notfallplan Gas” ist geregelt, wie die Gasversorgung in Deutschland in einem solchen Fall gesichert werden kann. Dazu zählen vor allem der Rückgriff auf Speicher sowie der Bezug von Gas aus alternativen Quellen. 

Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, kann die Bundesregierung die Notfallstufe ausrufen, wenn eine erhebliche Störung der Gasversorgung vorliegt. Dies ist aktuell jedoch nicht der Fall. Während dieser sogenannten Gasmangellage werden geschützte Kund:innen mit Priorität weiter versorgt. Der Gesetzgeber definiert als geschützte Kund:innen Haushalte sowie grundlegende soziale Dienste wie Krankenhäuser, stationäre Pflegeeinrichtungen oder Feuerwehren. Die Belieferung nicht geschützter, gewerblicher Kunden mit einem Gasverbrauch von, in der Regel, über 1,5 Mio. kWh kann während einer Gasmangellage reduziert oder ganz eingestellt werden. Sollte dies notwendig sein, setzt der jeweilige Netzbetreiber sich direkt mit den betroffenen gewerblichen Großabnehmern in Verbindung, der jeweilige Gasversorger ist dabei nicht involviert. Weitere Information über die gesetzlichen Vorgaben finden Sie auf der Internetseite der Bundesnetzagentur.

3. Wie haben sich die Bürgerstrom-Preise in den letzten Monaten entwickelt?

Seit dem 22.02.2022 gelten neue Preise für Neukund:innen und für Kund:innen, die weitere Stromzähler anmelden. Im Folgenden schauen wir auf die Preisentwicklungen der letzten Monate.

Ende 2021 haben sich die Beschaffungspreise neuer Strommengen für 2022 innerhalb von wenigen Wochen auf ein historisches Hoch verdoppelt. Viele Energieversorger haben angesichts dieser Entwicklungen ihre Preise deutlich erhöht oder die Aufnahme von Neukund:innen vorübergehend ganz eingestellt. Wenn wir zusätzliche Strommengen für die Belieferung neuer Kundinnen sichern, orientieren sich unsere Beschaffungskosten an dem aktuell sehr hohen Preisniveau. Aufgrund dieser Marktentwicklungen mussten auch wir die Preise für Neukund:innen am 23.12.2021 deutlich erhöhen, um weiterhin Neukund:innen aufnehmen zu können. Dank unserer vorausschauenden Beschaffungspolitik konnten wir im Gegensatz zu anderen Anbietern unsere für das Jahr 2022 zugesagte Preisgarantie für alle Bestandskund:innen uneingeschränkt einhalten.

Sobald die Marktbedingungen es zuließen, haben wir reagiert und den Strompreis für Neukund:innen wieder gesenkt: Am 22.02.2022 konnten wir neue Preise in unserem Tarifrechner online stellen und dabei Kostensenkungen direkt weitergegeben. Alle Menschen, die aktuell zu unserem Bürgerstrom wechseln, profitieren automatisch von circa 20 Cent geringeren Kosten pro Kilowattstunde – ebenso wie die Kund:innen, die seit 23.12.2021 zu höheren Konditionen zu uns gewechselt waren. Das verstehen wir unter Fairness und Transparenz!

Wir beobachten die Situation sehr genau, auch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf den Energiemarkt. Wir haben ausreichende Strommengen gesichert, um unsere Bestandskund:innen zu versorgen und weitere Kund:innen anzunehmen. Wenn die Lage es von uns verlangt, werden wir unsere Neukund:innen-Preise gegebenenfalls erneut anpassen.

4. Wieso sind die Bürgerwerke als Ökostromanbieter mit direkten Lieferverträgen nicht komplett unabhängig von den Marktpreisen?

Jeder Ökostrom-Erzeuger hat grundsätzlich die Möglichkeit, seinen Strom an der Strombörse zu vermarkten. Wenn er stattdessen einen Stromliefervertrag mit einem Ökostromanbieter (wie den Bürgerwerken) abschließt, stellt sich natürlich die Frage: Zu welchem Preis wird der Strom verkauft? Was ist dieser Strom wert? In der Regel orientiert sich der im Vertrag festgelegte Wert am Preis an der Strombörse, den der Ökostrom-Erzeuger erhalten würde, wenn er ihn dort verkauft.  

So weiß der Ökostrom-Erzeuger, dass er sich nicht schlechter stellt als bei einer Vermarktung an der Strombörse und beide Parteien haben eine klare Referenz für den Strompreis. Was heißt das konkret für die Kalkulation unserer Bürgerstrom-Preise? Bei der Preissetzung steht der genossenschaftliche Gedanke im Vordergrund. Wir streben faire und transparente Konditionen sowohl für Bürgerstrom-Erzeuger als auch für unsere Bürgerstrom-Kund:innen an.  

Daher haben wir mit den Anlagenbetreibern unserer genossenschaftlichen Solar- und Windenergieanlagen – den Bürgerwerke-Mitgliedsgenossenschaften – die Stromlieferverträge an der Höhe der EEG-Vergütung orientiert, die die jeweilige Anlage erhalten würde, wenn sie den Strom nicht an die Bürgerwerke liefern würde. Die Anlagenbetreiber:innen haben sich somit nicht schlechter gestellt und können mit einer konstanten Vergütung rechnen.  

Gleichzeitig ist uns wichtig, dass wir unseren Bürgerstrom-Kund:innen einen marktfähigen Preis anbieten können. Die EEG-Vergütung war in den letzten Jahren mehr als doppelt so hoch wie die Marktpreise. Deshalb konnten wir unter den bisherigen Marktbedingungen nur einen begrenzten Anteil der von unseren Genossenschaften aus Solar- und Windenergieanlagen erzeugten Strommenge an unsere Kund:innen liefern – ein höherer Anteil wäre für unsere Bürgerstrom-Kund:innen schlichtweg zu teuer gewesen.  

Den größten Teil des Strombedarfs unserer Kund:innen liefert daher bisher das Wasserkraftwerk Töging. Die Preissetzung für Strom aus Wasserkraft orientiert sich wie oben beschrieben komplett an den Marktpreisen. Die gestiegenen Marktpreise liegen inzwischen sogar höher als die EEG-Vergütung vieler Erzeugungsanlagen. Das bietet auch neue Chancen für die Bürgerwerke-Gemeinschaft. Um die Abhängigkeit von Marktpreisen weiter zu reduzieren, werden wir zukünftig einen größeren Anteil unseres Stroms aus Bürgerenergie-Anlagen an Sie liefern. Entsprechende Projekte sind bereits in Vorbereitung.  

5. Was tun die Bürgerwerke, damit wir alle unabhängiger von Preiserhöhungen der fossilen Energien werden?

Es gefällt uns bei den Bürgerwerken überhaupt nicht, dass das fossile Marktgeschehen Einfluss auf unsere Preisgestaltung hat. Um unabhängiger zu werden, sind wir bei den Bürgerwerken in verschiedenen Bereichen aktiv: Die Energiegenossenschaften unserer Bürgerwerke-Gemeinschaft bauen neue Erneuerbare-Energien-Anlagen und verdrängen somit immer mehr fossile Kraftwerke – und damit auch deren Einfluss auf die Preisgestaltung.

Wir gehen außerdem neue Möglichkeiten der Direktlieferung an. Nach 20 Jahren Einspeisevergütung fallen Erneuerbare-Energien-Anlagen aus der EEG-Förderung. Betreiber:innen erhalten für den erzeugten Strom dann keine Vergütung mehr vom Staat, sondern müssen sich eine andere Möglichkeit zur Vermarktung ihres Stroms suchen. Stromabnahmeverträge (engl. Power Purchase Agreements, kurz: PPAs) zwischen dem Erzeuger und einem Stromversorger ermöglichen genau das. Der Erzeuger erhält über eine feste Laufzeit einen vereinbarten Preis und der Stromversorger erhält echten grünen Strom, den er wiederum an seine Kund:innen liefern kann. Mit PPAs können wir in der Bürgerwerke-Gemeinschaft Chancen aus der Verbindung von Erzeugung und Lieferung von Bürgerstrom nutzen. So können wir unsere Bürgerstrom-Preise langfristig gegen Marktpreisschwankungen absichern und künftig unabhängiger von den Auswirkungen fossiler Brennstoff-Preise wie in der aktuellen Energiepreis-Krise werden.

Unsere Bürgerwerke-Genossenschaften entwickeln zudem verschiedene Eigenverbrauchslösungen, bei denen möglichst wenig Strom aus dem öffentlichen Netz gekauft werden muss und so ein großes Maß an Unabhängigkeit erreicht wird. Dazu gehören Mieterstrom-Projekte, bei denen die Mieter:innen Solarstrom aus Bürgerhand direkt vom eigenen Dach beziehen. Beispiele sind das Mieterstrom-Projekt der Ilmtal eG in Weimar (etwas nach unten scrollen) oder die Quartiersversorgung der Heidelberger Energiegenossenschaft.

Genau dieses Engagement unterstützen alle Bürgerwerke-Kund:innen. Mehr dazu in unseren letzten Wirkungsberichten: 2021 | 2020 | 2019 | 2018

6. Ändert sich etwas für die Bestandskund:innen, die vor dem 23.12.2021 zu Bürgerstrom gewechselt sind?

Für Bestandskund:innen ändert sich nichts. Wir halten unsere in den Preisänderungsschreiben im November für das Jahr 2022 zugesagte Preisgarantie uneingeschränkt ein. Die höheren Preise gelten ausschließlich für neue Kund:innen, weil wir für deren Versorgung zusätzliche Strommengen beschaffen müssen und der Beschaffungspreis für Strom aktuell auf einem deutlich höheren Niveau liegt als in den letzten Jahren.

Sie können sich bei den Bürgerwerken außerdem sicher sein: Wir werden zukünftige Preissenkungen in vollem Umfang an unsere Kund:innen weitergeben, so wie wir es unter anderem 2020 getan haben.

7. Profitieren auch diejenigen von der aktuellen Preissenkung, die zwischen dem 23.12.2021 und 22.02.2022 zu Bürgerstrom gewechselt sind?

Ja, wir kommen allen betreffenden Kund:innen entgegen und beliefern auch sie künftig zu deutlich attraktiveren Konditionen. Wenn Sie in dem Zeitraum zwischen dem 23.12.2021 und dem 22.02.2022 zu Bürgerstrom gewechselt sind, informieren wir Sie proaktiv über die Preissenkung: Die Schreiben zu Ihrer Preisanpassung haben wir Anfang März versandt.

Dieses Vorgehen erscheint ungewöhnlich? Ist es auch. Es entspricht jedoch unserem Verständnis, fair und kundenorientiert zu handeln. Dies ist im Übrigen stets Grundlage unseres Handels: Wir setzen bei unserer mittelfristigen Beschaffungsstrategie alles daran, all unseren Kund:innen auch in den folgenden Jahren einen attraktiven Preis anbieten zu können – sowohl für Bestands- als auch für Neukund:innen. Das bedeutet, dass wir mögliche sinkende Energiebeschaffungskosten im Rahmen unserer jährlichen Preiskalkulation uneingeschränkt an Sie weitergeben.

8. Kann ein Bürgerstrom-Vertrag bei einem Umzug zu den bisherigen Konditionen mitgenommen werden?

Unsere Bestandskund:innen können ihren bestehenden Bürgerstrom-Vertrag für eine neue Lieferstelle nutzen. Im Falle eines Umzugs können wir Sie also auch am neuen Wohnort zu den bisherigen Konditionen versorgen, da wir die Strommengen für die Belieferung Ihres Haushalts bereits gesichert haben. Bitte beachten Sie, dass sich bei Umzug in ein anderes Postleitzahlengebiet der Arbeitspreis dennoch geringfügig ändern kann. Grund dafür sind Netznutzungsgebühren, die in Deutschland je nach Ort unterschiedlich hoch sind.

Bitte füllen Sie das Umzugsformular im Bürgerwerke-Kundenbereich aus, um Ihren Vertrag mitzunehmen. Bitte tragen Sie in das Formular für jede Kundennummer nur eine neue Zählernummer ein. Eine Anmeldung etwaiger zusätzlichen Zähler können Sie über unsere Tarifrechner vornehmen, für diese Zähler gelten die aktuellen Tarifkonditionen.

9. Zu welchen Konditionen kann ich als Bestandskund:in zusätzliche Stromzähler anmelden?

Wenn Sie als Bestandskund:in zusätzliche Stromzähler anmelden möchten, gelten unsere aktuellen, am 22.02.2022 veröffentlichten Preise. Auf den folgenden Seiten können Sie sich über die genauen Konditionen Ihres Lieferortes informieren:

Bürgerwerke | Tarifrechner für Bürgerstrom
Bürgerwerke | Wärmestrom/Heizstrom der Bürgerwerke

10. Wieso sind die Energiepreise in den letzten Monaten so stark gestiegen?

Für den enormen Anstieg der Börsenpreise für Energie im Jahresverlauf von 2021 gibt es verschiedene Gründe, die sich gegenseitig verstärken. Da noch nicht 100 % des Stroms und der Wärme in Deutschland aus Erneuerbaren Energien stammen, sind wir als Gesellschaft weiterhin von den Preisen fossiler Brennstoffe abhängig. Je schneller wir als Gesellschaft die Erneuerbaren Energien ausbauen, desto früher werden wir unabhängiger von solchen Preisschwankungen (Tagesschau und Claudia Kemfert).

Es gibt seit einiger Zeit Lieferengpässe für die fossilen Brennstoffe Kohle (ZDF) und Gas (WirtschaftsWoche). Schon dieses geringere Angebot führt zu höheren Preisen. Hinzu kommt, dass gleichzeitig die Nachfrage wegen der Konjunkturerholung durch das Ende vieler Pandemie-Maßnahmen gegenüber 2020 wieder deutlich steigt. Generell ist die Nachfrage nach Energie, besonders zum Heizen, im Winter saisonbedingt höher. Verstärkt werden die Lieferengpässe durch Beschränkungen von Gaslieferungen bzw. die Sorge davor im Kontext der Ukraine-Krise.

Die steigenden Preise für Strom aus Kohle und Gas führen somit auch bei Strom aus erneuerbaren Quellen zu einem Preisanstieg, weil sich das gesamte Marktniveau erhöht. 2021 kam verstärkend hinzu, dass die erneuerbare Stromerzeugung aufgrund eines relativ schlechten Windjahres zurückging (Fraunhofer Institut). Der Bedarf musste also durch mehr fossile Brennstoffe gedeckt werden. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass wir die Erneuerbaren sowie Speichermöglichkeiten ausbauen müssen (erneuerbareenergien). So wirken die zurzeit hohen durch Windkraft produzierten Strommengen preisdämpfend.

Der erhöhte Einsatz fossiler Brennstoffe führt außerdem zu einem höheren CO2-Preis in der Stromerzeugung, weil dieser sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Das verteuert die Energieerzeugung aus fossilen Quellen zusätzlich (klimareporter). Auch die Spekulation auf eine politische Verknappung der Zertifikate führt zu einer Erhöhung des CO2-Preises.

Der extreme Preissprung im Dezember 2021 kam dadurch zustande, dass etwa 30 % der französischen Atomkraftwerke wegen Störungen und Wartungsarbeiten abgeschaltet werden mussten (Spiegel). Es wird prognostiziert, dass französische Atomkraftwerke in 2022 und 2023 weniger Strom produzieren werden. Das sinkende Angebot wird durch Strom aus teurer Gas-Kraftwerke kompensiert, die durch den sogenannten Merit-Order-Effekt den Strompreis setzen. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine Ende Februar 2022 hat zudem zu weiteren Belastungen der Energiemärkte geführt und sorgt ebenfalls für steigende Preise.

Stand: 06. April 2022